…und zum Selbstverständnis der Fogelvreien

Geschichte des Unternehmens

Geschichte des Unternehmens

…und zum Selbstverständnis der Fogelvreien

"Uns‘re Schar nimmt in sich auf, Schelme und Gerechte, Lahme und Gebrechliche, Alte und Geschwächte..." - ein Zitat aus dem Mittelalter, über die "Umblauffer" oder auch "Farnden" genannte Bevölkerungsgruppe des späten Mittelalters, die von der Geschichtsschreibung oftmals übergangen wurde, da sie selbst des Schreibens nicht mächtig waren.

Ein Unterschied zu heute: denn wissen wir uns mit "Presseinformatios" darzustellen, und nehmen auch auf in unseren Tross "...Handwerker und Krämer, Hökerer, Gaukler und Spielleute..."

Die Idee entstand 1988, nachdem der Herold und Spielmann "Fogelvrei", Johannes Faget mit bürgerlichem Namen, es leid war, ob wachsender Nachfrage nach "Mittelalterlicher Spielmannskunst" zwischen Pommes- und Bierbuden auf modernen Bühnen aufzutreten.
Eine in sich geschlossene mittelalterliche Plattform als Aufführungspodium für "mittelalterliche Künstler" zu entwickeln war das gesetzte Ziel.
Es begann als reisendes Ritterturnier, zwei Jahre lang durch Deutschland zu reisend, um für anderthalb Stunden die Besucher auf die Zeitreise zu bringen. Doch dies konnte noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Es ergab sich, dass aus dem fernen Japan ein Engagement ins Haus stand, bei dem ein (in Japan eingerichteter) "deutscher Marktplatz" in einen "mittelalterlichen Markt" verwandelt werden sollte - ein erster Kern von Handwerkern - gerade 15 an der Zahl - wurde gesucht und gefunden. Künstler kamen hinzu und zwei Monate lang konnte im Land der aufgehenden Sonne, im sog. „Glücks-Königreich“ bei Obihiro erprobt werden, was auf deutschem Boden weiter wachsen sollte...

1991 wurde dann das Fogelvreie Projekt begründet und gefügt. Das Projekt, das versucht, im Zeitalter von "Techno und Pommes" andere Formen von "Gegenkultur" zu entwickeln.
Der Kern ist angewachsen auf 35 Stände, reichlich Musikanten und Gaukler stehen bereit, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. 160 Akteure im "Kern" - als "Basis" bezeichnet - zählt der Tross. Doch bisweilen sind es bis zu 500 Akteure die "...wie ein Zirkus, der aber nicht gemeinsam reist..." mit Saisonbeginn im späten April bis in den kalten Wintermond hinein auf den Marktplätzen der flachen Erdenscheibe zum Wochenende hin Zeitreisen erlebbar macht...

Ab 1994 begründeten wir das "Mittelalterlich Spectaculum" mit, 10 Jahre lang bauten wir die folgenden Feste mit auf: Spectaculum in Bückeburg, Spectaculum in Telgte, Spectaculum im Öjendorfer Park in Hamburg, Mittelalter-Spectaculum in Hohenwestedt, Spectaculum in Lich, Spectaculum in Rastede wurden über die Jahre optimiert und ausgebaut.
In 2004 endete die Kooperation auf Grund inhaltlicher Differenzen und so gingen wir wieder eigene Wege. Und tun dies seither, im Jahre des Herren 2019 schon seit 30 Jahren.

Die Projektstruktur

Als Basis stehen 35 Stände, die 15 Feste während der Saison (April bis Oktober / Dezember) bereist. Hinzu kommen etwa 60 assoziierte Standbetreiber, die bei größeren Projekten zuarbeiten, oder "Urlaubsvertretungen" übernehmen, als auch in den Themenprojekten (Renaissance, Wikinger...) ihren Platz finden.
Einmal im Jahr treffen sich nahezu alle Akteure, um im "Plenum" die Zielrichtung der Saison zu diskutieren, Absprachen zu treffen, Probleme zu lösen, jedoch auch um praktische Arbeit zu leisten. In Kursen wird Theaterspiel und Sprache geprobt. Es werden neue Szenen entwickelt und Ideen ausgetauscht, die sonst von der Reisezeit im Sommer überholt werden könnten. Im Winter geht es dann jährlich nach Bremen, deutlich stationärer an die Schlachte. Zum Freibeuterdorf für fünf Wochen – eine Zeit, in welcher nicht gereist werden muss.

Der größte Teil der „Basisstände" lebt ausschließlich von der Darstellung mittelalterlicher Kultur, dem Handwerk oder dem Handel und hofft stetig, von den Einnahmen im Sommer die Wintermonate zu überleben. Die „Meister der Zünfte" sind überwiegend Gesellen oder Meister in ihren Berufen, und können somit ausführliche Informationen zum Gewerk, als auch zur historischen Entwicklung der Arbeitstechniken geben.

Wirtschaftsweise und Finanzierung

Alle Standbetreiber sind "selbständig handelnde Unternehmer", die neben der Sorgfalt um ihren Stand und der Weiterentwicklung des Projektes im Hinblick auf die Gesamtausstrahlung von ihren Umsätzen leben.
Eingebunden in die Projektstruktur erfolgt die Terminverwaltung und das Marketing für die Projekte über das Büro von Fogelvrei Produktionen, so dass den Standbetreibern Raum für Innovationen im Hinblick auf mittelalterliche Qualitäten bleibt, statt sich um Standplätze kümmern zu müssen.

In der Marktordnung ist das Ziel des Projektes so beschrieben: "...Forschung, Förderung und Erhaltung aussterbender Handwerkskünste...". Da in der heutigen Zeit das "Leben von Handarbeit" schon aus Gründen der möglichen herzustellenden Mengen nicht gegeben ist, wird durch interne Umschichtung dafür gesorgt, dass Handwerker Honorare und Spesen erhalten. Diese werden aus den Standgeldeinnahmen derer, die leichter und mehr umsetzen (Versorger und Händler) refinanziert.

Die Gesamtfinanzierung eines Projektes schöpft sich aus verschiedenen Quellen: Handwerkerspesen und ein Teil der Organisationsleistungen werden durch die Standgelder refinanziert, das Kulturprogramm wird zum Teil mit einer Sockelfinanzierung durch den Veranstalter (Städte, Unternehmen) abgedeckt.
Werbekosten und Organisationsleistungen werden letztendlich (hoffentlich) durch die jeweils erhobenen Pflaster- und Wegezölle abgedeckt. Risiken wie schlechtes Wetter oder stetig wachsende Sicherheitskosten müssen einberechnet und möglichst ohne Einbußen an Qualität oder Kulturangebot abgedeckt werden.

Der Handlungsrahmen: "Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile"

Aus der Zielstellung für Besucher ein "Zeitreisekonzept" erlebbar zu machen galt es, nicht nur "bloße Handwerkskunst" zu zeigen, sondern die Handwerker selbst als Protagonisten mit ins Gesamtkonzept einzubinden. Dies wird erreicht durch die gemeinsame "Marktsprache" (Lutherdeutsch), durch die Kleidung und durch die Ausarbeitung individueller (historischer) Charaktere.

So realisieren die Marktleute neben den Aktionen aus und an den Ständen "gemeinsame Spektakuli" (Tanz der Marktleut, Pestzug, Marktgericht). Aufgrund des Standortes des Organisationsbüros in der Grafschaft Hoya, und dem nunmehr alljährlich eingerichteten "Katharinenmarktes zu Hoya" ergab sich die Idee, eine gemeinsame "theatralische Grundgeschichte" als ideellen Handlungsrahmen des Projektes zu schaffen: das "Dekretum des Grafen zu Hoya und Bruchhausen, Otto III".
Darin wird verfügt, und alljährlich erneuert, dass dem "Tross der Fogelvreien", der aufgrund eines Unwetters heimatlos wurde, für das kommende Jahr Recht gegeben sei, durch das Land zu ziehen und an den Stadttoren anzufragen, ob es verstattet sei, Markt zu halten...

Graf Otto höchstselbst lässt es sich nicht nehmen, einige der Feste im Jahr aufzusuchen, die Prüfung der Waren vorzunehmen oder Gericht zu halten - somit auch gleichsam Werbung für die Grafschaft Hoya zu machen. Angewandtes Stadtmarketing wäre in der heutigen Zeit der Begriff hierfür.

Die Idee des "kreativen Anachronismus"

Freilich handelt es sich nicht darum, sich ins Mittelalter zurückzusehnen, sondern um das Verständnis dieser Zeit: "Unser Leben (heute) ist Geschäft, das damalige (im Mittelalter) war Dasein..." formulierte es der Historiker Jacob Burckhardt. Diese Aussage ist inzwischen Teil der Unternehmensphilosophie der Fogelvrei Produktionen geworden: mit mittelalterlichem Dasein in der heutigen Welt Geschäfte zu machen - und durch selbstbestimmte Arbeit davon zu leben. Das ist die Grundidee, die Standbetreiber mit Gauklern, Musiker mit Kleindarstellern und Technikern verbindet.

Dem Besucher "eine Zeitreise in die Vergangenheit" zu ermöglichen ist das Grundkonzept, das dem Besucher durch alle Sinne erfahrbar gemacht werden soll - Sehen, Schmecken, Riechen, Hören - als auch direkt selbst mit einbezogen werden in das Spiel der Gaukler, den Tjostkampf im Schergenlager, das Gespräch mit dem Schmied oder nur einen "lutherdeutschen Schwatz" an der Taverne - all dies soll möglich gemacht werden auf den Zeitreisen mit den Fogelvreien, die auch in diesem Jahr wieder einen stattlichen Terminkalender vorweisen.
Drum seid aufgerufen, uns in der Vergangenheit zu besuchen - bis dahin, gehabt Euch wohl und alleweil ein gutes Herz ...
Wir sehen uns im Mittelalter!

Fogelvrei Marktspektakel als Kulturprojekt

Begriffsklärung (aus: Wikipedia)

Kultur (v. lat. cultura für „Bearbeitung“, „Veredlung“, „Anbau“, „Bebauung“, „Pflege“):
Das Wort „Kultur“ ist aus lateinisch colere („pflegen“, „urbar machen“, „ausbilden“, vgl. auch „Kolonie“) abgeleitet
Die Gesamtheit der menschlichen Leistungen, welche über die Gewährleistung des Grundbedarfs hinausgehen
[…]
Menschliche Kultur erhält sich dadurch, dass sie weitergegeben wird. Dieses Moment der Tradition steht in engem Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung von Kulturen. Geschichte kann einerseits rückblickend anhand verschiedener Kriterien in Epochen unterteilt werden, andererseits ist jeder Kultur ein historisch gewachsener Zeitgeist innewohnend.

"Die Vagabunden sind das Salz der Erde,
oder wenigstens der fliegende Same,
der die sonst fest am Boden klebende,
und am Boden verrottende Cultur
über die ganze Erde verbreitet."

Friedrich Spielhagen, Problematische Naturen, Erste Abtheilung, Kap. 29. Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig: Staackmann, 1874. S. 286

 Weshalb das Fogelvreie Marktspektakel als ein Kulturprojekt zu verstehen ist:

Dem Einwand, es handle sich um ein kommerzielles Projekt, muss zu einem gewissen Teil sicher stattgegeben werden. Jedoch möchten wir hier aufzeigen, dass der kommerzielle Aspekt sich sozusagen aus der Notwendigkeit ergibt, ein kulturelles Projekt zu finanzieren und möglich zu machen, sind die Möglichkeiten gefördert zu werden doch begrenzt.

So kann das Unternehmen sogar als eine besonders gelungene Symbiose von marktwirtschaftlichen Aspekten mit und für Kunst, Geschichte und Kultur gelten, in der das Ökonomische dem Kulturellen dient, ohne es zu korrumpieren.

Das selbstgewählte Ziel, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, Geschichte fühl- und erlebbar zu machen, Kunstgenuss, Unterhaltung und Historie zu verbinden stehen im absoluten Vordergrund. Um dieses Ziel zu erreichen wurde eine alternative Unternehmensstruktur entwickelt, die das Überleben des Projekts und der Akteure möglich machen soll: Eine strenge ‚Marktordnung’, gegenseitige Qualitätskontrolle und viel Einsatz engagierter Akteure sorgen dafür, dass der künstlerisch – kulturelle Charakter des Projekts erhalten bleibt.

Um dies zu gewährleisten ist die Produktion allerdings auch auf Unterstützung von außen angewiesen: Wie bei allen Kulturprojekten ist die Durchführung ohne eine Bezuschussung einer Stadt, einer Region oder von Sponsoren oft unmöglich. Gerade beim immer intensiver werdenden Austausch mit anderen europäischen Ländern im Rahmen der Konföderation historischer Feste in Europa (CEFMH) wird klar, dass diese kulturelle Zusammenarbeit externer Förderung bedarf.1